Zahlen und Gedanken zum Thema Suizid
Zahlen
- Sterbefälle durch Suizid (11 / 100.000 Personen) sind weit häufiger als Tod durch Verkehrsunfälle (7,4 / 100.000) oder Unfälle durch Stürze (9,6 / 100.000) bei den nichtnatürlichen Todesursachen (Deutschland) (1)
- Fast dreimal soviel Männer (20 / 100.000 Personen) wie Frauen (7/100.000) vollenden einen Suizid (Deutschland). (1)
- Pro Tag sterben in Deutschland etwa sechs Jugendliche und junge Erwachsene durch Suizid, etwa 150 versuchen es. (3)
- Das Suizidrisiko nimmt mit dem Alter zu. So sind 35% der Männer, die sich das Leben nehmen, über 60 Jahre alt (Bevölkerungsanteil: 20%). Der Anteil der Frauen beträgt 50% (Bevölkerungsanteil: 27%) (Deutschland)(2)
- Nach Schätzungen der WHO für das Jahr 2000 starben weltweit etwa eine Million Menschen durch Suizid, die Anzahl der Suizidversuche wird auf das 10-20fache geschätzt. Anders gesagt heisst dies, dass alle 40 Sekunden ein Mensch durch Suizid stirbt und alle drei Sekunden ein Suizidversuch gemacht wird. Es sterben weltweit mehr Menschen durch Suizid als durch die unterschiedlichen bewaffneten Konflikte insgesamt weltweit (4)
Falsche Annahmen über den Suizid
-
Jemand, der über Suizid spricht, führt ihn nicht durch.Diejenigen, die es wirklich durchführen wollen,
sprechen nicht darüber
Falsch. Die meisten Menschen reden direkt darüber, machen Andeutungen oder zeigen ein stark verändertes Verhalten. Etwa 80% der Suizide waren angekündigt. (2) -
Jemand, einmal einen Suizidversuch gemacht hat,versucht es wahrscheinlich kein zweites Mal.
Falsch. Etwa 80% der durchgeführten Suizide geschehen nach vorherigen Versuchen. -
Jemand, der Gedanken an einen Suizid hat, möchte nicht unbedingt sterben.
Richtig. Ambivalenz, also das Nebeneinander von gegensätzlichen Gefühlen, ist typisch für eine selbstmordgefährdete Person. Manchmal wird die gegenwärtige Lebenssituation aus einem (eingeengten) Blickwinkel betrachtet. Viele sehen den Suizid als einen Weg, um einer (momentan!) als als unerträglich wahrgenommenen Situation zu entkommen. Aber: Suizid ist eine endgültige Lösung für ein oft vorübergehendes Problem. -
Man sollte niemanden nach Suizidgedanken fragen. Das bringt ihn/sie nur auf falsche Ideen
Falsch. ganz im Gegenteil. Durch das Ansprechen der Vermutung und die Bereitschaft zum Zuhören kann eine erhebliche Erleichterung für den/die Betroffene/n geschaffen werden. -
Wenn es einer früher suizidgefährdeten Person ganz plötzlich besser geht, dann ist sie/er "über den Berg"
Falsch. Wenn jemand die Entscheidung getroffen hat, seinem/ihrem Leben ein Ende zu setzen dann kann dies für den Moment als Erleichterung empfunden werden, die nach aussen hin als Lösung des Problemes im Sinn der Abkehr von Suizidgedanken und -planung empfunden wird. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Nach W. Pöldinger geht einer suizidalen Handlung eine sog. präsuizidale Entwicklung voraus, die in drei Schritten abläuft:
1. Stadium: Erwägung. Der Suizid wird als mögliche Lösung in Bertacht gezogen.
2. Stadium: Ambivalenz, der Konflikt zwischen zerstörerischen und selbsterhaltenden Kräften, Suizidankündigung als Hilferuf
3. Stadium: Entschluss, sei es zum Weiterleben oder zum Suizid. In dieser Phase ist oft eine gewisse Gelassenheit zu spüren, die fälschlicherweise als Abkehr vom Suizidwunsch gedeutet werden kann. -
Suizid ist ein Armutsproblem / Ein Problem der "Neuen Armut"
Falsch. Suizid und Suizidversuche gehen durch alle Bevölkerungspruppen und -schichten. -
Suizid ist "vererbbar"""
Falsch. Suizid und Suizidversuche sind nicht erblich. Allerdings gibt es Familien, in denen Suizid und Suizidversuche sowie Alkoholproblematiken häufiger auftauchen.
Mögliche Risikofaktoren / Anzeichen eines geplanten Suizides
- Soziale Isolation
- Hohes Alter
- Partnerverlust,Scheidung, Trennung vom Partner, Tod des Partners oder eines geliebten Menschen
- Sexueller Missbrauch oder andere Gewalterfahrung in der Kindheit
- Akut Opfer einer Gewalttat, Traumatisierung
- Inhaftierung
- Hohe Schulden, wirtschaftlicher Ruin, Konkurs
- Verlust der Wohnung
- (Langzeit)arbeitslosigkeit
- Substanzmissbrauch oder -abhängigkeit
- körperliche (besonders chronische oder lebensbedrohliche) Erkrankungen
- Plötzliche Zeichen von Erleichterung, Ruhe und Abgeklärtheit ohne direkt erkennbare Ursache
- (besonders größere) Schenkungen, plötzliche Beschäftigung mit Erbschaftsangelegenheiten, allgemeine Zeichen von Verabschiedung
- Auffällige Gewichtszunahme oder -abnahme
- Schlafstörungen (deutlich mehr oder weniger Schlaf als bisher)
Positionen zum Suizid
-
Katholische Kirche
Eines der Argumente des Katholizismus gegen den Suizid ist, dass das Leben an sich Gott gehört und somit die Herrschaft Gottes verletzt werden würde. Das menschliche Leben sei heilig und einzigartig, es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, es zu schützen(5).
Neuerdings ist die katholische Kirche dabei, ihre schroffe Haltung gegenüber der Selbsttötung zu mildern - indem sie Suizid einfach anders einordnet, z. B. als Folge psychischer Krankheit. Suizid ist somit Krankheitsfolge. (8) -
Evangelische Kirche
Die evangelische Kirche, die sich auf die Bibel gründet, hat eine weniger schroffe Haltung zur Selbsttötung. Der berühmte evangelische Theologe des 20. Jahrhunderts, Karl Barth, verweist darauf, „dass Selbstmord nirgends in der Bibel ausdrücklich verboten wird.“ Über den Suizid des jüdischen Königs Saul wird ohne jeden Tadel berichtet: „Und der Kampf war heftig um Saul her, und er wurde in den Unterleib getroffen. Da sprach Saul zu seinem Waffenträger: Ziehe dein Schwert und durchbohre mich damit, dass nicht diese Unbeschnittenen kommen und ihr Gespött mit mir treiben. Aber sein Waffenträger wollte nicht. Da nahm Saul das Schwert und stürzte sich hinein“ (1. Samuel 31). Das 2. Makkabäerbuch 14 spricht sogar mit Bewunderung von dem Suizid des Schriftgelehrten Rhazis (161 v. Chr.), der nicht seinen Feinden in die Hände fallen wollte. (8) -
Islam
Selbsttötung ist eine schwere Sünde (Sure 4,29) (6) und (7) -
Buddhismus
Im Buddhismus geniesst das Leben höchste Achtung, insofern ist auch der Suizid mit wenigen Ausnahmen geächtet (5) -
Japan
Der Seppuku (männlicher Suizid) stellte eine ritualisierte Art des männlichen Suizids dar, der bestimmten Bevölkerungsschichten vorbehalten war (5)
Quellen:
(1)Statistisches Bundesamt. Datenreport 2006, Suizidstatistik der TU Dresden
(2)suizidprophylaxe.de / Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention
(3).frnd.de / Freunde fürs Leben
(4) www.who.int/mental_health/media/en/382.pdf / WHO (World Health Organization, Weltgesundheitsorganisation)
(5)Wikipedia
(6)Projekt Gutenberg (SPIEGEL gutenberg.spiegel.de)
(7)deredlequran.de
(8) Interview mit Prof. Dr. Uta Ranke-Heinemann (www.humanesleben-humanessterben.de)
